Produktivität: Sachsen-Anhalt holt Schleswig-Holstein ein

Blick auf Magdeburg: Sachsen-Anhalt holt auf          Foto: pixabay.com

Blick auf Magdeburg: Sachsen-Anhalt holt auf                           Foto: pixabay.com

BERLIN. Die Leistungskraft der ostdeutschen Betriebe ist zuletzt wieder deutlich gestiegen, liegt aber im Durchschnitt weiter um fast ein Drittel hinter den Unternehmen in Westdeutschland. Nachdem die Produktivität der Ostbetriebe, gemessen wird das Verhältnis zwischen Jahresumsatz und dafür eingesetzten Arbeitsleistung, zwischen 2006 und 2013 zwischen 67 und 69 Prozent des Westniveaus schwankte, ist sie 2014 um drei auf 71 Prozent des Westniveaus geklettert. Das geht aus dem IAB-Betriebspanel Ostdeutschland für 2015 hervor, das heute (30.06.2016) durch das Bundeswirtschaftsministerium veröffentlicht werden soll. Der Bericht lag nl vorab vor. Dem Gutachten zufolge hat erstmals ein ostdeutsches Flächenland das Produktivitätsniveau eines westdeutschen, allerdings eher strukturschwachen Landes erreicht. Der Bericht selbst nennt keine Namen, wie das Bundeswirtschaftsministerium gegenüber nl bestätigte, handelt es sich aber um Sachsen-Anhalt, das das Produktivitätsniveau von Schleswig-Holstein eingeholt hat. Die Produktivitätslücke ist im produzierenden Gewerbe weiter deutlich größer als bei den Dienstleistungen. In der Land- und Forstwirtschaft beträgt der Abstand zwischen Ost und West nur noch 17 Prozent.

Lohnabstand schmilzt um drei Prozent

Insgesamt kommt die Arbeitgeberbefragung zu dem Ergebnis, dass sich die wirtschaftliche Situation in den ostdeutschen Betrieben auch 2015 weiter verbessert hat, vor allem, weil sich Umsätze und Exporte positiv entwickelt haben. Die Löhne sind im Osten 2015 um durchschnittlich fünf Prozent gestiegen, der Bruttodurchschnittslohn für eine Vollzeitstelle lag 2015 laut IAB-Bericht bei 2600 Euro im Osten, in Westdeutschland bei 3210 Euro. Die Lohnangleichung 2015 betrug 81 Prozent. Damit stellt der IAB-Bericht erstmals seit einigen Jahren eine Verringerung des Lohnabstands zwischen alten und neuen Ländern fest. Als eine Ursache wird die Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes gesehen, der in Ostdeutschland deutlich häufiger angewendet wurde, als im Westen. Branchen mit einem hohen Anteil an Mindestlohnbeschäftigten wie die Landwirtschaft, der Handel und Dienstleistungen, weisen 2015 auch eine überdurchschnittliche Lohnsteigerung aus. Dagegen ist gerade im verarbeitenden Gewerbe die Lohnlücke mit 30 Prozent (Ost: 2710 Euro, West: 3.860 Euro) noch am größten.

Wirkungen des Mindestlohnes

Erstmals wurden die Arbeitgeber auch nach den Auswirkungen des Mindestlohnes gefragt, der seit Januar 2015 gilt. Grundsätzlich haben Unternehmen, in denen bei mindestens einem Beschäftigten der Mindestlohn zur Anwendung kam, ihre Mitarbeiterzahl auch 2015 leicht aufgestockt – eine allgemeine Vernichtung von Arbeitsplätzen durch die Lohnuntergrenze hat es folglich auch in Ostdeutschland nicht gegeben. Allerdings verzeichneten Betriebe, bei denen mehr als die Hälfte des Personals vom Mindestlohn betroffen waren, einen Rückgang der Beschäftigung um 1,2 Prozent.

Fachkräftebedarf

Die Nachfrage nach Fachkräften in den ostdeutschen Betrieben hat 2015 einen neuen Höchststand erreicht. Schon im ersten Halbjahr wurden von den Unternehmen 485.000 Fachleute gesucht, mehr als in jeder anderen Jahreshälfte zuvor. Mehr als jeder dritte Betrieb in den neuen Ländern hat mindestens eine Fachkraftstelle ausgeschrieben, in der Industrie und im Gesundheits- und Sozialwesen war die Personalnot noch größer. Insgesamt waren 29 Prozent aller im ersten Halbjahr 2015 zu besetzenden Fachkräftestellen nicht besetzt (Westdeutschland 26 Prozent).

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung Iris Gleicke (SPD) erklärte zu der Untersuchung: „Die ostdeutsche Wirtschaft ist auf einem guten Weg. Erstmalig hat ein ostdeutsches Land das Produktivitätsniveau eines westdeutschen Landes erreicht“. Die Daten belegen auch, dass die Ostbetriebe die Einführung des Mindestlohnes gut gemeistert haben. „Das ist eine gute Nachricht sowohl für den Wirtschaftsstandort Ost als auch für alle, deren Arbeit jetzt deutlich besser bezahlt wird“, so Gleicke.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) führt seit 1996 bundesweit jährlich eine Arbeitgeberbefragung durch. Im Jahr 2015 fand diese Befragung zum 20. Mal statt. Für Auswertungen in Ostdeutschland liegen für das Jahr 2015 Interviews von 6.090 Betrieben vor.

Axel Fick

Knapp zwei Millionen arbeiten auf Abruf

Etwa 1,9 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten auf Abruf, dass bedeutet, die Beschäftigten halten sich für einen Arbeitgeber zur Verfügung, bekommen aber oftmals nur die Stunden bezahlt, die sie tatsächlich ableisten. Eine DGB-Untersuchung, über die die Saarbrücker Zeitung berichtet, ergab, dass solche Arbeitsverhältnisse trotz klarer gesetzlicher Regelungen oft arbeitsrechtliche Standards unterlaufen. So muss der Arbeitgeber den Beschäftigten eigentlich mindestens vier Tage im Voraus über den Einsatz informieren, in der Praxis erfolge der Abruf aber oft am selben Tag. Auch die feste Vereinbarung einer täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit werde häufig nicht eingehalten. DGB-Vize Annelie Buntenbach kritisierte, die Arbeit auf Abruf verlagere das wirtschaftliche Risiko der Betriebe vollständig auf die Beschäftigten.

Netzausbau lahmt – Strompreis steigt 2017 um 30 Euro

DÜSSELDORF. Der Strompreis für einen 3-Personenhaushalt könnte 2017 um 30 Euro im Jahr steigen, weil die Netzbetreiber ihre Entgelte erhöhen. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat inzwischen angekündigt, seine Preise zum Jahreswechsel um 80 Prozent anzuheben, schreibt das Handelsblatt. Vor allem für Unternehmen mit hohem Energieverbrauch wird die Kostenbelastung deutlich größer. Das Handelsblatt rechnet vor, dass ein Betrieb mit 300 Millionen Kilowattstunden Jahresverbrauch mit zusätzlichen 2,7 Millionen Euro rechnen muss. Für den Preisanstieg seien vor allem die hohen Kosten wegen des unzureichenden Netzausbaus verantwortlich, so Tennet-Geschäftsführer Urban Keussen. Teuer sind vor allem die „netzstabilisierenden Notmaßnahmen“, wenn die Netzbetreiber darauf reagieren müssen, dass bei Sonnenschein und starkem Wind diese erneuerbaren Energien die Netze an ihre Kapazitätsgrenzen bringen.

Tennet ist einer von vier Netzbetreibern in Deutschland, das Netzgebiet erstreckt sich von Schleswig-Holstein, Niedersachsen über Hessen bis nach Bayern. In Ostdeutschland ist der Netzbetreiber 50Hertz aktiv, das Unternehmen ist vor allem auch für den Netzanschluss der Ostsee-Windparks verantwortlich. 50Hertz kündigte nach Tennet inzwischen ebenfalls an, die Netzentgelte 2017 um etwa 45 Prozent zu erhöhen.

Osten verlor 2015 erneut tausende Arbeitskräfte

Seit Jahren steigt in Deutschland die Zahl der Erwerbstätigen: Schon 2007 wurde die Zahl von 40 Millionen Arbeitskräften deutschlandweit nach oben durchbrochen, seither sind es noch einmal gut 3 Millionen mehr geworden. Doch die gute Entwicklung vollzieht sich regional unterschiedlich und geht an den ostdeutschen Bundesländern weitgehend vorbei. Mit Ausnahme von Mecklenburg-Vorpommern, wo im vergangenen Jahr 1000 zusätzliche Erwerbstätige gezählt wurden, verloren die vier anderen Ostländer 2015 jeweils tausende Arbeitskräfte. Den größten Verlust verzeichnete Sachsen-Anhalt mit einem Minus von gut 7000 Arbeitskräften, in Thüringen und Sachsen betrug der Rückgang jeweils über 4000 Erwerbstätige. Brandenburg verlor nach den vorläufigen Daten des Arbeitskreises Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder lediglich etwa 1000 berufstätige Frauen und Männer und profitiert offenbar von dem anhaltenden Job-Aufwuchs in Berlin.

Insgesamt verringerte sich auf dem Gebiet der neuen Bundesländer (ohne Berlin) die Zahl der Erwerbstätigen im vergangenen Jahr um knapp 15.700 oder 0,3 Prozent verglichen mit 2014. In Westdeutschland dagegen verzeichneten alle Länder Zuwächse, insgesamt entstanden über 300.000 neue Arbeitsplätze im Westen. Damit erreichte die Zahl der Erwerbstätigen dort einen neuen Höchststand. Den größten Zuwachs erlebten Bayern (+88.000), Nordrhein-Westfalen (+64.000), Baden-Württemberg (+54.000) und Hessen (+33.000).

Die Statistik erfasst alle Personen, die in den jeweiligen Ländern ihren Wohn- und Arbeitsort haben, zudem diejenigen, die zur Arbeit in die Region einpendeln. Als Erwerbstätige zählen Arbeitnehmer, darunter auch Teilzeitbeschäftigte, Beamte, Heimarbeiter oder Minijobber, ebenso wie Selbstständige. (nl)

Chefinnen-Etagen: Im Osten sind Frauen öfter an der Firmenspitze

Chefinnen-Etagen: Im Osten sind Frauen öfter an der Firmenspitze

In Ostdeutschland sind Frauen in Chefetagen sowohl auf obersten als auch auf der zweiten Führungsebene häufiger vertreten als in den alten Bundesländern. Zu diesem Ergebnis kommt die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) in Nürnberg. Ausgewertet wurden Daten aus dem Jahr 2014. In den zehn Jahren zuvor sei der Anteil der Frauen auf der ersten Führungsebene im Osten von 27 (2004) auf 30 Prozent gestiegen, so das IAB. In Westdeutschland betrug der Frauenanteil 2014 in den absoluten Top-Positionen lediglich 23 Prozent, der identische Wert von 2004 – hier hat es also in zehn Jahren keinerlei Annäherung gegeben. Zwar ist auch der Frauenanteil an allen Beschäftigten im Osten höher (2014: 45 Prozent), aber auch in den alten Bundesländern ist der weibliche Beschäftigtenanteil inzwischen auf 43 Prozent gestiegen (2004: 41 Prozent).

„Auf der zweiten Führungsebene ist seit 2004 in beiden Landesteilen ein Anstieg zu beobachten“, schreiben die Autorinnen Iris Möller und Susanne Kohaut in ihrer Analyse. Aber auch hier haben Frauen im Osten stärker auf ihre männlichen Kollegen aufgeholt. Die Riege nach den Chefs besetzen im Osten 44 Prozent Frauen (2004: 37 Prozent), im Westen nur 37 Prozent (2004: 32 Prozent).

Über den Ost-West-Unterschied hinaus unterscheidet sich der Frauenanteil in den Leitungspositionen aber auch nach Betriebsgrößen und Branchen, so die Forscherinnen. Erwartungsgemäß sind Chefinnen eher dort anzutreffen, wo Frauen auch die Belegschaften dominieren, etwa im Gesundheitsbereich, im Einzelhandel oder im Gastgewerbe. In der Industrie stellen sie 25 Prozent der Beschäftigten, aber nur 14 Prozent der Unternehmensführung. Am geringsten ist der Frauenanteil in der Unternehmensleitung von Baubetrieben. Generell gilt: Je größer ein Betrieb, desto geringer ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen.

Die Bundesregierung versucht seit dem vergangenen Jahr gesetzlich eine stärkere Rolle von Frauen in Führungspositionen durchzusetzen. Eine Quotenregelung in der Privatwirtschaft für die Besetzung von Aufsichtsräten mit einem Drittel Frauen gilt allerdings nur für wenige große Aktiengesellschaften.

(nl)

Vattenfall bietet ostdeutsches Braunkohlegeschäft zum Kauf an

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde; Foto: Tobias Scheck, CC BY 2.0

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall will seinen kompletten Braunkohletagebau in Ostdeutschland sowie die dazugehörige Stromerzeugung verkaufen. Der Konzern hat nach einer Mitteilung vom Dienstag (22.09.) potentielle Bieter eingeladen, für die Übernahme des Braunkohlegeschäft ihr Interesse zu bekunden. Zum Paket gehören die Kraftwerke in Jänschwalde und Schwarze Pumpe in Brandenburg, die Kraftwerke Boxberg und Block R der Anlage Lippendorf in Sachsen sowie die Tagebaubetriebe in der Lausitz. Zusätzlich hat Vattenfall noch ein Paket von zehn Wasserkraftwerken in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen geschnürt, das gemeinsam mit der Braunkohlesparte veräußert werden soll. Einzeln stünden die Wasserkraftwerke nicht zum Verkauf, hieß es in der Konzernmitteilung.

IWH: Ostdeutsche Wirtschaft wächst 2016 um 1,4 Prozent

Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) rechnet für die ostdeutschen Flächenländer für das kommende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum um 1,4 Prozent (BIP-Zuwachs). Damit wächst der Osten etwas langsamer als der Bundesdurchschnitt (1,6 Prozent), allerdings leicht stärker, als noch 2015 (1,3). Besonders von den überregional aktiven ostdeutschen Industrie- und Baubetrieben und deren Partnerunternehmen würden neue Wachstumsimpulse ausgehen, schreibt das IWH in seiner Prognose, die heute in Halle veröffentlicht wurde. Die negativen Folgen der Demografie – sinkende Einwohnerzahl und weniger Erwerbspersonen – würden durch zunehmende Ausgaben des Staates für die Versorgung der Flüchtlinge und Asylbewerber nur teilweise kompensiert. Dennoch wirkten die Ausgaben für die Flüchtlinge „stützend auf die Konjunktur“, so das Institut.

Die Lage am Arbeitsmarkt werde sich 2016 stabilisieren. Das IWH erwartet eine Zunahme an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung bei gleichzeitigem Rückgang der Minijobs. Bereits 2015 war deren Zahl nach der Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes deutlich zurückgegangen. Die Arbeitslosenquote wird für Ostdeutschland bei 8,8 Prozent erwartet (bundesweit 6,4).(nl)

Fleiß-Statistik: Ostdeutsche arbeiten im Jahr zwei Wochen länger

Grafik Jahresarbeitszeit

Fleißig und oft ohne Tarif: Ostdeutsche arbeiten länger

von Axel Fick

(der Beitrag erschien zuerst in der Thüringer Allgemeinen)

ERFURT/NÜRNBERG. Die Erwerbstätigen in Ostdeutschland arbeiten durchschnittlich etwa zwei Arbeitswochen im Jahr länger als Arbeitnehmer und Selbstständige in den alten Ländern. Die Thüringer arbeiten bundesweit die meisten Stunden im Jahr und der Abstand zu vielen Bundesländern wächst. 2014 waren die Arbeitnehmer und Selbstständigen im Freistaat 1454 Stunden und damit 96 Stunden mehr beschäftigt als der Durchschnitt in den westdeutschen Bundesländern. Im Vergleich zu Bremen, dem Bundesland mit der niedrigsten Jahresarbeitszeit, verbrachten die Thüringer sogar 125 Stunden mehr Zeit im Büro oder an Maschinen – der Unterschied macht also mehr als drei Arbeitswochen aus. Die Zahlen hat der Arbeitskreis Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder, ein Zusammenschluss der Statistikämter des Bundes, der Länder und des deutschen Städtetages, errechnet.

Susanne Wanger, Arbeitszeitforscherin am IAB-Institut der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg sieht vor allem zwei Ursachen für die deutlich höheren Jahresarbeitszeiten in allen ostdeutschen Bundesländern: Zum einen sind die Ostdeutschen eher in Vollzeit beschäftigt, auch wenn die Teilzeitarbeit in ganz Deutschland zunimmt. „Weil die Teilzeit im Osten jedoch oft unfreiwillig ist und nicht aus familiären Gründen gewählt wurde, streben die Beschäftigten nach möglichst vielen Arbeitsstunden“, so Wanger gegenüber unserer Zeitung. Ein zweiter wesentlicher Grund sei die geringe Tarifbindung der Betriebe in Ostdeutschland. „Daraus resultieren höhere Wochenarbeitszeiten und niedrigere Urlaubsansprüche für die Beschäftigten“.

Abstand zu Bayern wächst

Zwar ist auch in Thüringen, wie in allen Bundesländern, die Jahresarbeitszeit im Vergleich zu den Werten vor der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 zurückgegangen – damals haben die Erwerbstätigen im Freistaat im Jahr noch gut 50 Stunden länger als heute gearbeitet. Doch mit Ausnahme des Crash-Jahres 2009 – wegen des massiven Beschäftigungseinbruches in Thüringen hatte Brandenburg für ein Jahr die Spitzenreiterrolle übernommen – führt der Freistaat die Fleiß-Statistik kontinuierlich an und baut den Vorsprung gegenüber den meisten Ländern in Ost und West sogar noch aus. Beispiel Bayern: Vor der Finanzkrise 2008 arbeiteten die Thüringer noch 72 Stunden länger als die Bayern, 2014 ist der Abstand auf 77 Stunden gewachsen. Gegenüber Baden-Württemberg ist der Abstand im gleichen Zeitraum von 83 auf 91 Stunden gestiegen, gegenüber Mecklenburg-Vorpommern von 16 auf 25 Stunden.

DGB: Für den Urlaub länger arbeiten

Für den Thüringer DGB-Chef Sandro Witt sind die Zahlen auch eine Folge der Niedriglohnstrategie in Thüringen und den ostdeutschen Ländern nach der Wiedervereinigung. „Wegen der niedrigen Löhne müssen die Leute zur Existenzsicherung zwei Stunden in der Woche länger arbeiten, und um auch noch in den Urlaub fahren zu können noch ein bisschen mehr“, sagte Witt gestern unserer Zeitung. Als einzigen Ausweg sehe er den Abschluss flächendeckender Tarifverträge, die Produktivität der meisten Unternehmen sei dafür hoch genug. „In diesen Betrieben sinkt dann mit der Arbeitszeit auch der Krankenstand und steigt die Arbeitszufriedenheit“, sagt Witt und warnt, wenn sich an der Kombination aus langen Arbeitszeiten und niedrigen Löhnen nichts ändere, werden sich die benötigten Fachkräfte eher in Bayern und Baden-Württemberg einen Job suchen. Dort verdienen sie schließlich nicht nur mehr, sondern haben auch noch zwei Wochen zusätzliche Zeit, ihr Geld auszugeben.

2030: Größte Fachkräftelücke droht Thüringen

Blick in das Konstruktionsbüro des EMW IFA-Werles Eisenach 1953

Konstrukteure im IFA-Werk Eisenach 1953 – Fachkräftemangel war ferne Zukunft. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-22209-0682 / CC-BY-SA

Das Fehlen von sechs bis zu knapp acht Millionen Fachkräften bis 2030 könnte Deutschland nach Berechnungen der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) etwa eine halbe Billion Euro Wirtschaftsleistung kosten. Zwar betrifft der Mangel alle Bundesländer, jedoch in unterschiedlicher Ausprägung: „Vor allem in den neuen Bundesländern wird der Mangel zum großen Problem“, sagt der Autor der Studie Rainer Strack. Den Verlust von bis zu einem Fünftel der Arbeitskräfte würden die ostdeutschen Regionen kaum verkraften, „ohne in ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erheblich Schaden zu nehmen“. Die größte Lücke zwischen Arbeitskräftenachfrage und -angebot droht der Untersuchung zufolge in Thüringen (und deckt sich damit mit den Berechnungen des IAB, s.a. im NL-Beitrag …). Dort werde sich die Situation bereits in den kommenden Jahren dramatisch zuspitzen, heißt es. Westdeutsche Länder wie Bayern könnten in den nächsten Jahren noch mit einem leichten Arbeitskräftewachstum rechnen. Wegen der stärken Wirtschaftskraft und erhöhter Nachfrage werde es aber auch dort ab 2020 zu einer spürbaren Personalnot kommen.

Wirtschaft in Thüringen und Sachsen-Anhalt schrumpft

Strack zu den Folgen für Ostdeutschland: „Bleiben Gegenmaßnahmen aus, sind eine weitere Verödung ländlicher Gebiete, die Abwanderung von Betrieben und das Schrumpfen lokaler Märkte absehbar“. Die wachstumshemmende Wirkung des Personalmangels ist der Studie zufolge enorm: In allen neuen Bundesländern würde das BIP-Wachstum je nach Szenario um 0,7 bis 1,4 % niedriger liegen, als bisher. Die Autoren rechnen dann für die neuen Länder nur noch mit einem jährlichen Wachstum von 0,1 Prozent – für Thüringen und Sachsen-Anhalt wird sogar ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung vorausgesagt.

Die Autoren fordern Politik und Wirtschaft zur verstärkten Beschäftigung mit einer langfristigen Personalplanung auf und sehen die bekannten Handlungsfelder, um dem Fachkräfteverlust abzumildern: Steigerung der Arbeitsproduktivität – vor allem durch Technisierung -, die Erhöhung der Erwerbsquoten von Frauen und Älteren und schließlich durch Zuwanderung. Das Ausmaß der notwendigen Veränderungen ähnelten einem Kraftakt. Ein Beispiel aus der BCG-Untersuchung: Neben einer deutlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität müsste sich der Anteil der über 65-Jährigen Erwerbstätigen bis 2030 verdreifachen, von jetzt etwa 5 auf 15 Prozent. Und der Nettozugewinn an Migranten dürfte nicht nur bei den prognostizierten 200.000 im Jahr rangieren, sondern müsste bei etwa 500.000 Migranten liegen – mit einer Erwerbsquote, die sich nicht von der deutschen Bevölkerung unterscheidet.

Für die Studie „Die halbierte Generation“ hat die BCG vier Szenarien analysiert – mit unterschiedlichen Entwicklungen in der Erwerbsquote und beim Bruttoinlandsprodukt.

Exportgeschäfte mit Rußland halbiert

Die infolge der Ukrainekrise verhängten Sanktionen gegen Russland trifft die Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern: In den ersten drei Monaten 2015 hat sich das Exportgeschäft mit Russland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum halbiert. (Nordkurier) Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und Teile seines Kabinetts wollen dennoch im Juni in Sankt Petersburg für den Wirtschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommern werben. Der Nordosten ist stark mit Russland im Geschäft – zum einen sind große Teile der verbliebenden Werftenstandorte (Rostock, Wismar, Stralsund) in russischem Besitz, zum anderen ist das Land wichtiger Absatzmarkt für die Ernähungsindustrie in M-V. Wegen des zunehmenden Preisdrucks infolge des Überangebotes von Nahrungsmitteln auf dem europäischen Markt mussten bereits auch in anderen Bundesländern (Milcherzeuger Thüringen) Erzeuger- und Verarbeitungsbetriebe schließen.