Schutzmauer

Vielleicht fiel die erste Entscheidung der Mindestlohnkommission etwas kleinlich aus. Der Rundungs-Cent auf 8,85 Euro wäre noch drin gewesen. Doch die Lohnuntergrenze wird weiter steigen, Schritt für Schritt und angemessen im Verhältnis zu den übrigen Löhnen. Das ist richtig. Forderungen von den Linken nach zehn, zwölf Euro jetzt und sofort sind nicht aus dieser Welt, denn sie verkennen den Charakter und die Möglichkeiten eines Mindestlohnes.

Er ist keine Armutsverhinderungswaffe, sooft man ihn dazu hochstilisiert. Ob 9, 10 oder 15 Euro je Arbeitsstunde reichen, um dem Sozialamt dauerhaft zu entkommen, hängt von viel mehr Faktoren ab – von der Art der Beschäftigung, von der Höhe der Miete, von der Anzahl der Kinder.

Der Mindestlohn ist eine Schutzmauer – für Beschäftigte vor allzu großer Ausbeutung (Gewerkschafter nennen das Anstandsgrenze), für den Staat vor Mitnahmeeffekten durch Arbeitgeber und für Unternehmen vor Dumpingwettbewerb. Der Rest ist Markt.

Einige Arbeitgeber fürchten den sich von unten nähernden Mindestlohn und warnen vor der Lohnspirale, weil 4 Prozent mehr bei der allgemeinen Untergrenze natürlich auch Druck auf die nächsten Tariflohnabschlüsse im Einzelhandel oder im Hotel- und Gaststättengewerbe ausüben werden. Doch dreht sich die Spirale nach oben, ist dies die richtige Richtung. Billiglohnarbeiten werden aufgrund des allgemeinen Preisniveaus nicht die Zukunft gestalten in diesem Land – darauf müssen sich auch die betroffenen Branchen einstellen. Das mag vielleicht den einen oder anderen Arbeitsplatz kosten, der sich in der Vergangenheit nur mit staatlicher Stütze gerechnet hat. Doch wer den Einstieg in den Arbeitsmarkt zum Preis von 8,84 Euro geschafft hat, muss die Chance haben, durch Qualifizierung und begünstigt durch den steigenden Personaldruck in den Betrieben, die Tarifleiter aus eigener Kraft hinaufzuklettern.

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