Schrumpfendes Land, wachsende Probleme

Demografen zählen das Staatsvolk. Besser, sie rechnen es Jahr für Jahr fort. Eine echte Zählung wäre nicht nur viel zu aufwendig, sondern bringt, wenn sie denn alle Jahrzehnte stattfindet, auch den Unmut des Zählvolkes mit sich – zu viele private Daten, zu teuer und am Ende klagen hunderte Gemeinden, weil mit dem Ergebnis möglicherweise Nachteile verbunden sind. 2011 ergab der jüngste Zensus, dass der deutsche Bevölkerungsstand bis dahin um rund 1,5 Millionen Bürger zu hoch fortgerechnet wurde, wonach die Finanzhilfen an Städte und Gemeinden, die an die Einwohnerzahl gekoppelt sind, gestutzt werden mussten.

Nun verliert Deutschland nicht in jedem Jahr 1,5 Millionen Einwohner auf dem Papier, aber, fast dramatischer, zu viele tatsächlich. Deutschland schrumpft und altert dabei noch, ein moderner Industriestaat  gnomiert. Die nackten Vorausberechnungen sind längst bekannt, gelegentlich fließen demografische Überlegungen auch schon in  politische Entscheidungen ein (Rente mit 67), manchmal geschieht das Gegenteil (Rente mit 63). Die Tabellen und Grafiken zur Bevölkerungsentwicklung sind scheinbar noch zu abstrakt und die Jahreszahlen zu weit in der Zukunft. Noch, so scheint es, finden Firmen ausreichend Personal und Hochbetagte noch helfende Hände, wenn sie allein nicht mehr zurecht kommen.

Die Frühwarner schlagen jetzt Alarm. Mit seiner „Raumordnungsprognose 2035“ will das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) deutlich machen, wo der Demografie bedingte Handlungsbedarf schon jetzt besonders groß ist. Nach hinten geblickt, auf die Entwicklung seit 1990 bis zum Jahr 2012, hat der Bevölkerungsschwund ausschließlich in den neuen Bundesländern stattgefunden – dort hat sich die Einwohnerzahl von 18,2 Millionen auf 15,9 Millionen reduziert, während in den alten Ländern noch über 3 Millionen Einwohner hinzukamen. Entscheidend für diese unterschiedliche Entwicklung ist nicht nur die starke Abwanderung von Ost nach West insbesondere in den 1990er Jahren (1,1 Millionen), sondern der im Westen starke Zuzug aus dem Ausland (+3,1 Millionen). In den Osten kamen im gleichen Zeitraum lediglich 336.000 mehr Ausländer, als Ostdeutsche ins Ausland abwanderten.

Osten braucht Zuwanderung

Nun haben die Experten des BBSR die Entwicklung fortgeschrieben bis zum Jahr 2035 und erkennen keine wesentliche Veränderung in der Entwicklung: Der Westen verliert zwar alterungsbedingt massiv an Einwohnern, kann das aber durch den Ausländerzuzug und eine weitere halbe Million Abwanderer aus dem Osten nahezu kompensieren. Der Osten hingegen verliert noch einmal 1,8 Millionen Menschen, auch weil der Außenwanderungssaldo für die kommenden 20 Jahre lediglich ein Plus von gut 900.000 Menschen aufweist. Dabei, so heißt es in der Analyse, sind die internationalen Wanderungen die „einzig verbliebene Wachstumsquelle auf der gesamtstaatlichen Ebene“.

Bevölkerungsentwicklung seit 1990 und bis 2035

Bevölkerungsentwicklung der Kreise in Vergangenheit und Zukunft (Grafik:  BBSR Bonn 2014)

SCHWACHER TROST: Die rote Farbe markiert Bevölkerungszuwachs, blau den Schwund. Die Grafik zeigt, dass der Osten dem Westen in Sachen Demografie nur ein Stück vorauseilt, in weiterer Zukunft werden die Mangelerscheinungen auch in den alten Bundesländern zunehmen.

 

Doch nicht nur in der Entwicklung der Einwohnerzahlen, auch in der Art der Alterung unterscheiden sich Ost und West. Wegen des Geburteneinbruchs nach der Wende und des insgesamt sinkenden Anteils junger Menschen auch durch die Abwanderung alterte der Osten seit der Wiedervereinigung „von unten“, wie das BBSR beschreibt, während der Westen zunehmend von der Alterung von oben – also dem wachsenden Anteil Älterer und Hochbetagter über 80 Jahre, betroffen ist und sein wird. Gerade für die neuen Länder gelte: „Die schockartigen altersstrukturellen Veränderungen – am stärksten bei den Schulpflichtigen – werden noch auf Jahrzehnte hinaus die demografische Entwicklung der Bevölkerung prägen.“

Weite Schulwege und fehlende Hilfe im Alter

Die Raumordnungsprognose geht den entscheidenden Schritt weiter und macht auf die Probleme aufmerksam, die sich vor Ort ergeben werden: Die abnehmende Schülerzahl etwa wird sich in der Ausdünnung der Schullandschaft niederschlagen – der „Zielkonflikt“ zwischen einer guten Erreichbarkeit der Schulen und ihrer Auslastung wird sich verschärfen, heißt es da, verbunden mit der Warnung, dass sich die Schließung von Schulstandorten nicht nur zu weiteren Schulwegen führt, sondern auch die Qualität der Einrichtungen gefährdet, wenn sich die Vielfalt des Bildungsangebotes am Schulstandort reduziert. Auch bei der Versorgung der Alten macht das BBSR ein Ost-West-Gefälle aus: Als Spätfolge der Abwanderung fehlen hier große Teile einer  Kindergeneration, die als potenzielle Pfleger ihrer hochbetagten Eltern in Frage kommt. Zwar wird die Zahl der zu Pflegenden  auch in den alten Ländern deutlich ansteigen, hier sind die sozialen Netzwerke insbesondere zu den eigenen Kindern jedoch wesentlich intakter.

Hochbetagte-und-soziale-Netze

Die Familie fällt als Pflegekraft im Osten aus. (Grafik: BBSR Bonn 2014)

ALLEINE ALTERN: Zwar nimmt auch im Westen der Anteil der Hochbetagten in den kommenden 20 Jahren deutlich zu. Je dunkler die Färbung (rechte Karte), desto weniger stehen den über 80-jährigen aber die Kinder als Unterstützung und Pfleger zur Verfügung.

Abhilfe gegen die Probleme der Ausdünnung weiter Landstriche und der fehlenden Familienkontakte können hier nur intelligente Lösungen schaffen, die nicht erst 2035 aus dem Boden gestampft werden. In seiner Studie erklärt der BBSR-Direktor Harald Herrmann, die jetzige Prognose biete „grundlegende Informationen für die Ausgestaltung von Konzepten und Maßnahmen einer ausgleichsorientierten Politik“. Wie gut die Informationsverarbeitung in Bund, Ländern und Kommunen funktioniert, wird sich zeigen.

 

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